DenkTank

Tafel-Musik auch beim Campen

Inspirationen für Musik bei Tisch

„Die bei der Tafel von einem Chore Musici ausgeführte Musik. Bei Hoffesten, an der Tafel von Fürstlichen Personen, werden die Musikstücke von der Fürstlichen Kapelle vorgetragen, auch wohl von dem Musik-Chore der Garde, und dabei Tusch geblasen. Einige vornehme und reiche Personen haben sich eine kleine Kapelle aus ihren Bedienten gebildet, indem sie entweder solche Individuen in ihre Dienste nehmen, die schon ein Instrument spielen können, und wozu es dann nur der Nachhülfe bedarf, um es darauf zu einiger Fertigkeit zu bringen, oder sie nehmen junge Leute in ihre Dienste, und lassen sie auf verschiedenen Instrumenten, sowohl Blase-, als Streichinstrumenten, unterrichten, und so kann ihre Dienerschaft bei Tische musiciren, oder bei der Tafel ein Conzert aufführen, indem die Direktion von ihrem Herrn selbst ausgeht.“

<Oekonomische Encyklopädie>

>Die Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats- Stadt- Haus- und Landwirthschaft ist der Titel einer der umfangreichsten Enzyklopädien des deutschen Sprachraums. Das von J. G. Krünitz begründete Werk erschien 1773 bis 1858 in 242 Bänden und stellt eine der wichtigsten deutschsprachigen wissenschaftsgeschichtlichen Quellen für die Zeit des Wandels zur Industriegesellschaft dar. Siehe www.kruenitz1.uni-trier.de<

Heutzutage ist das anders. Ein Restaurant am frühen Abend: Die Gäste sitzen vor ihren Tellern, essen, trinken und unterhalten sich. Fast niemandem hier fällt mehr die leise Hintergrundmusik auf. Das Lokal füllt sich, das Gemurmel wird lauter, die Musik auch, die Stimmen erheben sich, die Musik auch…

Viele sagen dann: „Ich gehe essen um essen zu gehen, nicht um Musik zu hören. “
Warum dann überhaupt Musik beim Essen?

Nun, man weiß seit vielen Jahrhunderten, dass Musik einen bestimmten Klangraum erzeugt und damit für Glücksgefühle und Entspannung sorgt. Diese Eigenschaft kann und sollte man nutzen, um eine harmonische Atmosphäre zum Essen zu erzeugen.

Wann es angefangen hat, kann niemand so richtig sagen, aber heute gibt es so gut wie kein Restaurant, Bistro oder Café mehr ohne Musikbegleitung. Die meisten Menschen denken nicht darüber nach, welchen Sinn die „Beschallung von Mahlzeiten“ hat. Tisch- oder Tafelmusik gehören jedoch seit Jahrtausenden ebenso zu einem guten Mahl wie erlesener Wein, gutes Bier, frische Früchte und schöne Tischdekoration. Gerade im Restaurant ist gute Musik zudem nicht nur für die Gäste da, sondern auch für die Mitarbeiter. Mit guter Musik macht die Arbeit einfach mehr Freude.

Allerdings gehen die musikalischen Vorlieben der Mitarbeiter meist ebenso auseinander wie die der Gäste. Schwierig, es allen Leuten recht zu machen. Die einen meinen, man solle das „Gedudel“ ausmachen, andere fragen nach, was das für eine Musik ist. Sollte man jeden Tisch einzeln beschallen, abhängig von musikalischen Vorlieben oder der Speisekarte?
Etwas Beschwingtes zur leichten Kräuter-Suppe, Salat mit einigen Takten Latino, Wassermusik zum Lachs und beim Tiramisu italienische Folklore…

Einfach gesagt: gute Musik-zum-Pizza-mit-Rotwein braucht andere Eigenschaften als gute Musik-zum-8-Gänge-vor-dem-Kaminfeuer, gute Musik-zum-Grillfest oder auch dass gibt es gute Musik-zum-konzentrierten-Zuhören.
Moderne Technik macht es uns heute möglich, in allen Lebenslagen Musik zu hören, dies führt oft auch zum Überfluss und daher sollte Musik mit Bedacht gewählt sein. Wie jeder Genuss kann auch der Musikgenuss durch bewussten Verzicht gesteigert werden.

Denn auch die Musik selbst lebt von den Pausen!

Wenn man jedoch etwas Passendes finden will und sich durch den zeitgenössischen Genre-Dschungel von Pop, Klassik, Jazz, World, Ambient, Techno, Easy-Listening und Dutzende andere Erfindungen der Musik-Marketing-Experten durchhört, kommt man schnell darauf  wie beim Kochen entsteht die größte Spannung beim Aufeinandertreffen der verschiedenen Genres, dort wo keine Kategorien mehr greifen. Entsprechend mühsam kann es sein, derartige Musik aufzustöbern, da es keine richtigen Schubläden dafür gibt.

Deshalb möchte ich Ihnen hier ein paar ganz persönliche Tipps für und Anregungen geben, wie Sie Ihren kulinarisch/musikalischen Tag gestalten können.

Dazu habe ich meine persönliche Musiksammlung durchstöbert und Ihnen Hörerlebnisse ausgewählt, die sich auch in vielen Jahren in meinem Restaurant bewährt haben. Ausgefallenes ebenso wie Bekanntes, historische aber auch brandaktuelle Musik. Alle, die sich auf Hörtrips in unbekannte Richtung einlassen wollen, seien herzlich willkommen!

Und nicht vergessen:

Über Geschmack lässt sich nicht streiten! Viel Spaß beim Anhören und Geniessen.

Frühstück: Supertramp – Breakfast in Amerika

Bewundernswerte Arrangements, bis ins letzte Detail ausgefeilt, exzellent produziert, kristallklar und trotz der Vielschichtigkeit der Partitur vollkommen transparent im Sound. Es bringt Schwung, belebt wie ein frisches Glas Sekt, weckt die guten Geister…

Das 1978 erschienene Album weckt nicht nur schöne Erinnerungen, sondern ist durch die Remastered-CD von 2003 zu einem Klanghighlight erwachsen, das auch der heutigen Jugend gefallen dürfte.

Brunch: Grey’s Anatomy I + II [Soundtrack]

Jedem, der sich die Serie anschaut, ist sicherlich aufgefallen, dass die in den einzelnen Episoden gespielte Musik wirklich klasse ist. Die erste CD ist sehr viel fröhlicher und längst nicht so melancholisch wie die zweite. Alles in allem sind es auf beiden Alben jedoch Tracks, die zum abrocken einladen, aber auch viele, die herrlich für lange Spaziergänge nach dem Mittagessen sind. Herrlich auch zum Fensterputzen oder Bügeln.

Lunch: Wer Früher Stirbt, Ist Länger Tot [Soundtrack]

Nur in Bayern wird der Tod so charmant humorvoll mit dem Leben und der Liebe verbunden wie in Marcus H. Rosenmüllers Spielfilm „Wer früher stirbt, ist länger tot“ und so manche Beerdigung endet im Tanzsaal…

Passend zum „Unsterblichen Film“ wurde hier „unsterbliche Musik“ geschaffen zeitlos schön.

Freude, Trauer, Bizarres, Mystisches, Komisches, Romantisches, ein Mix aus allen Genres, wie das Leben eben. Aus einem Guss, abwechslungsreich, außergewöhnlich, andersartig.

Gerd Baumann und seine Band haben ein Album geschaffen, das nach „Haindling goes Tom Waits – featuring J.J.Cale und Ravi Shankar“ klingt. Ideal für ein besinnliches Mittagsmahl der besonderen Art.

Kaffee: Wassermusik – G.P.Telemann

Aufnahmen des Musica Antiqua Köln. Die Musica Antiqua Köln, die in der Kerngruppe sechs Musiker umfasst, widmet sich der mit teils historischen Instrumenten. Die Aufnahmen sind an Authentizität und Lebendigkeit sensationell.

Siesta: DaDaWa – Sister Drum

Ideal zum Entspannen, durch die hervorragende Aufnahemqualität und eine wirklich gigantische Dynamik jedoch wirklich nur zum echten Zuhören und für sehr gute Anlagen zu empfehlen. Dann aber eine außergewöhnliche Produktion, die man nie mehr vergisst!

Chillen: Brain Eno

Der Großmeister der Ambient-Musik hat mit >Musik for Airports<, >Discreet Musik< Werke geschaffen, die in keiner Lounge fehlen dürfen relaxter geht es nur noch mit seinem Album >Thursday Afternoon< Entspannung pur die richtige Musik zu Siesta.

Dinner:  Die Vier Jahreszeiten
von (Künstler), erschienen bei Decca (Universal)

Eine neue Entdeckung am Geigenhimmel präsentiert dieses Werk in Kammerbesetzung. Das heißt, jede Stimme im Ensemble ist mit nur einem einzigen Instrument vertreten. Gerade diese Reduktion des Orchesters auf das Wesentliche und die Verwendung eines Cembalos lassen ein einmaliges „Barockfeeling“ aufkommen. Die Aufnahme ist dadurch auch äußerst transparent und trotzdem kraftvoll, dynamisch und brillant. Ein passendes 4-Gänge-Menü für die 40-minütige Aufnahme sollte machbar sein… Anregungen sind jederzeit willkommen.

Als Digistif: Aussergewöhnliches zum Träumen und Relaxen


Sally Oldfield – Water Bearer

Das Album „Water Bearer“ ist und bleibt ein Meilenstein des „Celtic Folk“. Der geradezu außerirdische Gesang und die bezaubernden Melodien nehmen den Zuhörer heute noch kompromisslos gefangen. Das Album nimmt den Zuhörer mit auf eine musikalisch esoterische Reise in das Land, wo Elfen und Kobolde leben, Milch und Honig fließen. Sally schlendert durch den Phantasiegarten ihrer Träume und Gedichte und singt wie eine Märchenelfe. Feengesang für „offene Ohren“. Leichte exotische Speisen mit Säften wären hier die bessere Wahl als „Irish Stew“ mit Guinness. Dazu wäre die Irin Mary Black die richtige musikalische Beilage.

Sting – All This Time

Die Stimmung auf Stings Livealbum ist in vielerlei Hinsicht besonders. Zum einen spielte er mit seiner Band vor der intimen Kulisse von nur 200 Zuschauern, die Songs wurden oft ganz arrangiert und stellen sich so eigentlich als neue Lieder dar. Zudem fand das Konzert genau an diesem denkwürdigen 11. September statt… Ein Album, das im Hintergrund läuft, aber auch Gesprächspausen sinnvoll überbrückt. Ich würde ein Fondue dazu empfehlen.

Stefan Waggershausen – Louisiana

Musiker vom Mississippi-Delta, Fidel, Dobro und die erstaunlich verwandlungsfähige Siestastimme von Stefan Waggershausen bringen schwüles Siesta und Südstaatenfeeling. Songs mit Witz, Charme und Atmosphäre laden ein zu Steak mit Potateos und Kentucky-Whisky. Ideal auch zum BBQ.

Jacques Loussier spielt Bach oder Satie

Die Verbindung von Bach (Klassik) & Jazz gelingt diesen herausragenden Künstlern auf einmalige Art und Weise. Und für jene, denen Jazz zu „wild“ und Klassik zu „angestaubt“ ist, ist dies mehr als ein Kompromiss. Es ist wie eine neue Welt, wie Erdbeeren mit grünem Pfeffer, oder Schokolade mit Chilli.

Frederic Hand – Jazz Antiqua

Jazzige Kammermusik auf historischen Instrumenten außergewöhnlich, wohlklingende einzigartig. Ideal zum romantischen Dinner mit Kerzenlicht.

Keith Jarrett – Köln Concert

Keith Jarrett ist ein wahrer musikalischer Verwandlungskünstler; die legendären Soloimprovisationen, die er 1975 in Köln aufnahm, gehören zum Besten was das Jazz-Klavier zu Ohren brachte. Musik zum Zuhören und Hinhören. Ideal zu einem kräftigen Chianti oder Bordeaux. Sehr zu empfehlen auch seine Version des „Wohltemperierten Klavier“ zu einem wohltemperierten Glas Bier…

Eric Clapton – Unplugged

Eric Clapton, der mit seiner Band ein superbes akustisches Programm vorstellt, (Clapton und Andy Fairweather-Low), eröffnet mit „Signe“, einem virtuosem Kabinettstückchen für zwei Akustikgitarren eine Platte, die sich aus feinsten Blues- und Clapton-Stücken zusammensetzt. Ein absoluter Meilenstein der Musikgeschichte ideal zu Cognac oder Whiskey.

geHörigen Appetit wünscht Ihnen Peter Weilacher